Das Trockenwerden eines Kindes ist ein bedeutender Meilenstein, der für Eltern mit vielen Fragen und Unsicherheiten verbunden sein kann. Einerseits möchten sie ihrem Kind dabei helfen, so eigenständig wie möglich trocken zu werden und abwarten, bis es von selbst so weit ist. Andererseits plagt viele der Druck, der von Außen stetig zunimmt. Sei es durch manch Großeltern oder weil die Kita zum Start der Eingewöhnung nach dem Sommer WindelFreiheit verlangt. 

Die Herausforderung ist oftmals groß, denn bisher wurde in den Familien wenig über das Thema Ausscheidungen gesprochen. Dem Kind fällt es nun extrem schwer, sich von der Windel zu verabschieden, weil es das bislang nicht anders kennengelernt hat. Den Eltern fällt es schwer, weil auch für sie gehörten die Ausscheidungen in die Windel, die wiederum alle paar Stunden gewechselt und anschließend entsorgt wurde. Somit klappt das Verabschieden der Windel von heute auf morgen also wirklich nicht.

Ich möchte deshalb hier zwei Ansätze miteinander in Verbindung bringen, um den Übergang in die Trockenheit sanft zu gestalten: Das Trockenwerden kann durch eine grundlegende Idee des WindelFrei Ansatzes bereichert werden und geht damit über in einen bedürfnisorientierten Ansatz zum Trockenwerden. 

Der WindelFrei Ansatz ermöglicht bereits mit Babys von Anfang an über Ausscheidungen zu kommunizieren. Diese Kommunikation kann nun auch der erste Schritt für Eltern älterer Kinder sein, die nicht nach dem WindelFrei Ansatz begleitet wurden, jetzt jedoch trocken werden “sollen”. 

Mit dieser Verknüpfung möchte ich Eltern ermutigen und ihnen die Sorge nehmen, sie hätten ihren Kindern bereits Nachteile bereitet, indem sie ihnen die WindelFrei Praktik nicht ermöglicht haben. Es ist nie zu spät, Kinder liebevoll und bedürfnisorientiert zu unterstützen, auch nicht beim Trockenwerden.

In diesem Artikel möchte ich genau diese Perspektive mit dir teilen und dir zeigen, welche Haltung du entwickeln solltest, um dein Kind einfühlsam beim Trockenwerden zu begleiten. 

Artgerecht WindelFrei und bedürfnisorientiertes Trockenwerden: Die Verbindung verstehen

Zunächst möchte ich den WindelFrei-Ansatz genauer betrachten. WindelFrei bezieht sich darauf, schon Baby’s Ausscheidungsbedürfnisse wahrzunehmen und es dabei zu unterstützen. Dabei geht es darum, mit dem Baby über seine Ausscheidungen zu kommunizieren und ihm die Möglichkeit zu geben, sich zu erleichtern, an einem Ort, der dafür vorgesehen ist. Dazu werden Babys abgehalten, wobei es nicht zwingend erforderlich ist, sie ohne Windeln zu lassen (siehe hier mein Artikel zu WindelFrei Mythen). Dieser Ansatz basiert auf dem Wissen, dass Babys von Natur aus das Bedürfnis haben, ihr Nest nicht zu beschmutzen.

WindelFrei Baby pinkelt über Waschbecken
Ein Baby das zum Pipi Machen über dem Waschbecken abgehalten wird – WindelFrei schon für ganz Kleine

Das bedürfnisorientierte Trockenwerden baut auf ähnlichen Prinzipien auf: Der Fokus liegt lediglich auf älteren Kindern, die größtenteils ohne eine WindelFrei Praktik aufgewachsen sind. Auch hier geht es darum, die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und es liebevoll und einfühlsam beim Übergang zur Trockenheit zu begleiten. Im Gegensatz zur herkömmlichen Methode des Töpfchentrainings, bei dem Kinder oft einem starren Plan folgen müssen, wird beim bedürfnisorientierten Trockenwerden auf die Signale des Kindes geachtet. Die Eltern begleiten es eng dabei, seine Bedürfnisse zu erkennen und zu kommunizieren. Sie bereiten eine geeignete Umgebung vor, die es allen Beteiligten ermöglicht, das Trockenwerden nahtlos in den Alltag einzufügen und zu integrieren.

Bedürfnisorientiertes Trockenwerden hat nichts mit Töpfchentraining und Zwang zu tun! Es gibt auch nicht das Versprechen á la “trocken werden in 3 Tagen”.

Die Parallelen zwischen WindelFrei und bedürfnisorientiertem Trockenwerden

Obwohl der Windelfrei-Ansatz und das bedürfnisorientierte Trockenwerden auf den ersten Blick unterschiedlich erscheinen, gibt es einige wichtige Parallelen zwischen ihnen:

  1. Kommunikation: Sowohl bei WindelFrei als auch beim bedürfnisorientierten Trockenwerden spielt die Kommunikation mit dem Kind eine zentrale Rolle. Es geht darum, die Signale des Kindes zu erkennen und darauf einzugehen, sei es verbal (“Du machst gerade Pipi!”) oder nonverbal (Windeln wechseln, Ort aufsuchen etc.). Bei WindelFrei wird das Kind dann über einem geeigneten Ort abgehalten. Beim bedürfnisorientierten Trockenwerden wird das Kind auf das Töpfchen oder die Toilette begleitet.

  1. Achtsamkeit: Beide Ansätze legen großen Wert auf Achtsamkeit gegenüber den Bedürfnissen des Kindes. Es geht darum, das Kind in seinen Entwicklungsschritten zu respektieren und ihm die nötige Zeit und Unterstützung zu geben, um den Übergang zur Trockenheit eigenständig zu meistern. Was nicht bedeutet, auf einen Wundertag oder den Sommer zu warten.

  1. Eltern als Unterstützer: Sowohl beim WindelFrei als auch beim bedürfnisorientierten Trockenwerden nehmen die Eltern eine aktive und unterstützende Rolle ein. Sie helfen dem Kind dabei, seine Bedürfnisse zu erkennen und geben ihm die nötige Anleitung und Unterstützung. 

  1. Kein Druck: Weder bei WindelFrei noch beim bedürfnisorientierten Trockenwerden sollte Druck auf das Kind ausgeübt werden. Es geht nicht darum, ein bestimmtes Zeitfenster einzuhalten oder jedes Pipi bzw. Kacki einzufangen oder andere Erwartungen zu erfüllen, sondern vielmehr darum, dem Kind einen liebevollen und förderlichen Raum zu geben, in dem es sich sicher und unterstützt fühlt und an dem Ausscheidungen zum Normalsten der Welt gehören.
Ein Kleinkind, das dem Teddybären zeigt, was da im Töpfchen gelandet ist

Unterstützung beim bedürfnisorientierten Trockenwerden

Um dein Kind bedürfnisorientiert und einfühlsam beim Trockenwerden zu unterstützen, gibt es einige Schritte, die du unternehmen kannst:

  1. Haltung entwickeln: Nimm dir Zeit, um deine eigene Haltung zum Trockenwerden zu reflektieren. Wie bist du trocken geworden? Kannst du dich erinnern? Befrage deine Eltern – das könnte so einiges erleuchten. Verabschiede dich von Druck und Erwartungen und sei offen dafür, das Tempo deines Kindes zu respektieren. Sich bspw. extra eine Woche Urlaub zu nehmen und erwarten, dass es in dieser Zeit klappt, setzt alle Beteiligten extrem unter Druck.

  1. Kommunikation fördern: Beobachte dein Kind und finde die Bedürfnisse hinter seinem Verhalten heraus. Manche Kinder werden zappelig, andere drücken die Beine zusammen, wiederum andere werden ganz still. Ermutige es, seine Ausscheidungen zu kommunizieren. Vermeide stigmatisierende Sprache wie bspw. “Du hast einen Stinker gemacht.”. Achte auf Zeiten und Signale. Biete proaktiv Unterstützung an, um sich am vereinbarten Ort zu erleichtern. Begleite es und zeige deine ehrliche Freude, wenn es geklappt hat. 
Ein stilles Örtchen im Badezimmer mit spannender Klolektüre
  1. Einbeziehung des Kindes: Lasse dein Kind an deinem eigenen Toilettengang teilhaben und erkläre ihm, was dabei passiert. Biete ihm ein eigenes Töpfchen an und gestalte den Gang dorthin angenehm und interessant. Kauft gemeinsam ein Töpfchen und gestaltet einen wundervollen Ort in eurem Badezimmer, an dem es deinem Kind Spaß macht, sich aufzuhalten. Auch hier ist die Selbstbestimmung deines Kindes förderlich. Es gibt tolle Bücher, die ihr gemeinsam zu dem Thema anschauen könnt.

  1. Geduld und Unterstützung: Gib deinem Kind die Zeit, die es braucht, um den Übergang zur Trockenheit zu meistern. Sei geduldig und unterstütze es liebevoll bei allen Schritten, die es selbst noch nicht bewältigen kann. Die größten Herausforderungen sind: Hose herunterziehen und abputzen. Bleib bei ihm, damit es sich nicht noch zusätzlich von dir getrennt fühlt. Beobachte dein Kind und finde heraus, wie es am liebsten sein Geschäft verrichtet. Möglicherweise benötigt dein Kind noch eine Übergangszeit, in der es sich mit der Windel aufs Töpfchen setzt.

  1. Bedürfnisse der Eltern berücksichtigen: Denke auch an deine eigenen Bedürfnisse und Grenzen. Es ist wichtig, dass du dich selbst gut umsorgst und auf deine eigenen Ressourcen achtest. Wenn du bspw. nicht mehr bereit bist, die Windel mit dem mittlerweile angetrockneten Stuhl zu wechseln, dann kommuniziere das. Erkläre liebevoll deine Grenze und finde Alternativen oder Zwischenlösungen, die du akzeptieren kannst. 
Bedürfnisorientiert Trocken werden ist kein Töpfchentraining oder Toiletten zwang und auch kein trocken werden in 3 Tagen Programm
Ein unzufriedenes Kleinkind auf der Toilette. Hier mit Druck vorzugehen, ist keine gute Idee.
  1. Kein Druck: Vermeide jeglichen Druck oder Zwang. Wenn es für dein Kind stressig wird oder es noch nicht bereit ist, auf das Töpfchen zu gehen, nimm dir eine Auszeit und kehre zu Windeln mindestens für das große Geschäft zurück. Gib deinem Kind die Sicherheit zu wissen, dass es immer Unterstützung und Verständnis von dir bekommt. Manche Kinder fühlen sich unwohl auf dem Töpfchen, weil sie keine Windel mehr anhaben. Versuche das herauszufinden und lass dein Kind notfalls zunächst noch mit Windel auf dem Töpfchen Platz nehmen. Du kannst immer noch mit liebevoller Führung den Ort vorgeben, z.B. das Badezimmer.

  1. Übernimm Verantwortung und triff Entscheidungen: Du als Elternteil spielst eine entscheidende Rolle bei der Begleitung deines Kindes auf dem Weg zur Trockenheit. Sei proaktiv und triff bewusste Entscheidungen, die zum Wohl deines Kindes beitragen. Überlege, welche Methoden und Ansätze am besten zu deinem Kind und deiner Familie passen und setze sie um. Integriere sie in deinen Alltag. Übernimm die Verantwortung, den Prozess zu initiieren und zu gestalten. Reagiere dabei sensibel auf die Bedürfnisse deines Kindes. Allein dadurch, dass du aktiv teilnimmst und liebevoll führst, wirst du dem Trockenwerden deines Kindes einen zusätzlichen positiven Schub verleihen. 

Fazit

Das bedürfnisorientierte Trockenwerden profitiert von den Erkenntnissen des WindelFrei-Ansatzes, auch wenn es um ältere Kinder geht, die bislang nicht WindelFrei begleitet wurden. Es geht darum, die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und es einfühlsam und respektvoll beim Übergang zur Trockenheit zu begleiten. So wie du es begleitest beim Sprechen lernen oder beim Laufen lernen, ist es auch nie zu spät, über Ausscheidungen zu kommunizieren und sie im Alltag zu integrieren, damit du dein Kind auf eine bedürfnisorientierte Weise beim Trockenwerden unterstützen kannst.

Die Parallelen zwischen WindelFrei und dem bedürfnisorientierten Trockenwerden lassen uns eine ganzheitliche Sichtweise entwickeln und eine liebevolle Haltung einnehmen. Beide Ansätze betonen die Kommunikation mit dem Kind, die Achtsamkeit gegenüber seinen Bedürfnissen und den Verzicht auf Druck und Zwang. Indem du diese Prinzipien in deinem eigenen Handeln integrierst, schaffst du eine Atmosphäre des Vertrauens und der Unterstützung für dein Kind.

Denke daran, dass jedes Kind seinen eigenen Rhythmus hat und sein individuelles Tempo beim Trockenwerden. Es ist wichtig, geduldig zu sein und dein Kind in seiner Entwicklung zu respektieren. Es gibt keine feste Zeitspanne, in der ein Kind trocken sein “muss”. Jedes Kind ist einzigartig und wird den Prozess auf seine eigene Weise durchlaufen.

Trocken werden stellt uns Eltern manchmal vor schier unlösbare Fragen
Wie weiter? Alles da, aber nichts klappt.

Hast du Fragen oder Unsicherheiten? Ich biete dir persönliche Unterstützung beim Trockenwerden deines Kindes und stehe dir mit individuellen Beratungsangeboten gerne zur Verfügung. Es ist euer Prozess, den ich begleite, weshalb es keine Lösung von der Stange gibt. Zurzeit biete ich Impulsgespräche an, in dem ich schon mal einen Blick auf eure individuelle Situation werfen kann, und du mit ersten Impulsen versorgt bist. 

Abschließend möchte ich betonen, dass das bedürfnisorientierte Trockenwerden ein liebevoller und respektvoller Ansatz ist, der dein Kind dabei unterstützt, in seinem eigenen Tempo und auf seine eigene Art und Weise trocken zu werden. Es ist nie zu spät, diese Methode in den Alltag zu integrieren und deinem Kind die nötige Unterstützung, Orientierung und Sicherheit zu geben. Mit Geduld, Verständnis und Achtsamkeit kannst du deinem Kind dabei helfen, diesen wichtigen Meilenstein zu erreichen und ihm gleichzeitig ein Gefühl von Autonomie und Selbstwert vermitteln.

Das Trockenwerden ist ein gemeinsamer Prozess, bei dem Eltern und Kinder zusammenarbeiten. Indem du die Bedürfnisse deines Kindes respektierst, ihm eine liebevolle Unterstützung und eine geeignete Umgebung bietest, schaffst du eine Atmosphäre des Vertrauens und der Verbundenheit. Genieße diese besondere Phase der Entwicklung deines Kindes und sei stolz auf jeden Fortschritt, den es macht. Mit deiner liebevollen Begleitung wird es sicherlich den Weg zur Trockenheit entspannt meistern.

Weiterführende Literatur:

Danielle Graf (2015): Trocken werden – Warum Töpfchentraining unnötig ist, Stand 11.7.23.

Herbert Renz-Polster (2018): Wie Kinder sauber werden, Stand 11.7.23.

Nicola Schmidt (2020): Der Elternkompass, S. 182ff.