In einer Welt, in der Windeln als unverzichtbarer Teil der Babyausstattung gelten, wirft das Konzept von WindelFrei (Elimination Communication) Fragen auf und spaltet die Meinungen. Diese Praxis, die auf einer engen Kommunikation zwischen Eltern und Kind basiert, wird oft skeptisch betrachtet, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung des Kindes. Die Sorge, dass WindelFrei möglicherweise die Entwicklung verzögern oder sogar schädlich sein könnte, ist ein verbreitetes Missverständnis, das durch eine Vielzahl von Meinungen und Ratschlägen im Internet und auf Social Media noch verstärkt wird.

Nachdem ich im vorherigen Artikel einen Überblick über zehn Mythen rund um WindelFrei gegeben haben, möchte ich nun tiefer in das Thema eintauchen und speziell den Mythos der Entwicklungsverzögerung durch WindelFrei näher betrachten. Es ist an der Zeit, die Zweifel beiseite zu schieben und den Weg für eine informierte und liebevolle Entscheidung in der Begleitung unserer Kinder zu ebnen.

WindelFrei ist weit entfernt davon, die Entwicklung zu verzögern. Vielmehr stärkt es die Bindung, verbessert die Kommunikation und unterstützt Kinder dabei, ihre körperlichen Bedürfnisse besser zu verstehen. Dieser Artikel soll die unbegründeten Befürchtungen zerstreuen und aufzeigen, wie WindelFrei tatsächlich als Katalysator für die Entwicklung deines Kindes fungieren kann. Lasst uns die Fakten betrachten und eine Basis für eine wohlüberlegte Entscheidung schaffen.

Der Ursprung eines Missverständnisses

In der modernen Elternschaft gibt es viele Debatten, doch eine der kontroversesten dreht sich um die Praxis von WindelFrei, auch bekannt als Elimination Communication (EC). Ein hartnäckiger Mythos ist die Annahme, dass es zu Entwicklungsverzögerungen bei Kindern führen könnte. Ein besonders dramatischer Irrglaube ist die angebliche Gefahr beim Abhalten der Babys. Wie von Experten widerlegt (z.B. Andrea von Windelfreibaby.de hat das bereits sorgfältig widerlegt.), fehlt diesem Mythos jegliche wissenschaftliche Grundlage.

Doch wie kam es zu dieser Überzeugung? Eine kritische Betrachtung zeigt, dass Missverständnisse und Informationslücken maßgeblich zu ihrer Entstehung beigetragen haben.

Die Vermischung zweier Konzepte

WindelFrei: Eine Praxis der Achtsamkeit und Kommunikation

WindelFrei basiert auf dem Konzept der Elimination Communication, einer Praxis, die die natürlichen Ausscheidungsbedürfnisse des Kindes anerkennt und respektiert. Im Kern geht es bei WindelFrei um die Entwicklung einer tiefen Verbindung zwischen Eltern und Kind, die durch aufmerksame Beobachtung und das Erkennen von Signalen erreicht wird. Eltern, die WindelFrei praktizieren, lernen, subtile Hinweise ihres Babys zu deuten, die anzeigen, wann es bereit ist, seine Blase oder den Darm zu entleeren.

Diese Methode erfordert keine festgelegten Trainingszeiten oder das Erreichen von Unabhängigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt. Vielmehr fördert sie eine natürliche Entwicklung des Bewusstseins des Kindes für seine körperlichen Bedürfnisse und unterstützt die nonverbale Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Durch diese Praxis entsteht ein gegenseitiges Verständnis, das weit über die Ausscheidungsbedürfnisse hinausgeht und die emotionale Bindung stärkt.

Töpfchentraining: Ein zielorientierter Ansatz

Im Gegensatz dazu ist Töpfchentraining ein Ansatz, der spezifisch darauf ausgerichtet ist, Kinder (in einem relativ jungen Alter) dazu zu bewegen, das Töpfchen oder die Toilette für ihre Bedürfnisse zu nutzen. Dieses Training kann verschiedene Methoden umfassen, die darauf abzielen, das Kind an das Töpfchen zu gewöhnen, mit dem ultimativen Ziel, Windeln (so früh wie möglich) vollständig abzulegen.

Während WindelFrei eine kontinuierliche Interaktion und ein Verständnis für die natürlichen Rhythmen des Kindes erfordert, konzentriert sich das Töpfchentraining oft auf konkrete Übungen und Routinen (oftmals unterstützt durch Belohnungen, Druck und Zwang), um das Kind zu ermutigen, das Töpfchen zu benutzen. Diese Methode setzt voraus, dass das Kind bestimmte Entwicklungsmeilensteine erreicht hat, wie die Fähigkeit, physische Signale zu verstehen und darauf zu reagieren. Genau diese Fähigkeit spiegelt die “Reife” wider, von der allenthalben zu lesen ist, und markiert einen wichtigen Unterschied in der Herangehensweise zwischen WindelFrei und Töpfchentraining.

Warum die Unterscheidung wichtig ist

Die Gleichsetzung von WindelFrei mit Töpfchentraining führt zu einem grundlegenden Missverständnis der Ziele und Methoden beider Praktiken. WindelFrei als Methode zur Förderung der natürlichen Entwicklung und Kommunikation zu betrachten, bedeutet, den Fokus auf die individuellen Bedürfnisse und Signale jedes Kindes zu legen, anstatt auf die Erreichung eines spezifischen “Trainingsziels”. Diese Unterscheidung ist entscheidend, um zu verstehen, warum WindelFrei nicht zu Entwicklungsverzögerungen führt, sondern stattdessen eine Reihe von Vorteilen bietet, die die Entwicklung des Kindes sogar unterstützen.

Indem wir klarstellen, dass WindelFrei eine achtsame Praxis ist, die auf den natürlichen Fähigkeiten und der Bereitschaft des Kindes basiert, und nicht eine frühzeitige Form des Töpfchentrainings, können wir dazu beitragen, den Mythos der Entwicklungsverzögerung zu entkräften. Es ist wichtig, diese Unterscheidung zu betonen, um Eltern zu befähigen, informierte Entscheidungen zu treffen, die die individuelle Entwicklung ihres Kindes am besten unterstützen.

Kulturelle Unterschiede und die Rolle von Wegwerfwindeln

Die Rolle kultureller Unterschiede in der Kindererziehung und die allgegenwärtige Präsenz von Wegwerfwindeln spielen eine entscheidende Rolle im Diskurs um WindelFrei und tragen maßgeblich zur Entstehung des Mythos der Entwicklungsverzögerung bei.

Kulturelle Perspektiven auf WindelFrei

In vielen nicht-westlichen Kulturen wird WindelFrei als traditionelle Praxis angesehen und als integraler Bestandteil der frühkindlichen Erziehung praktiziert (so z.B. in Vietnam, noch immer in China, Indien und in einigen afrikanischen Gemeinschaften). Diese Kulturen nutzen die Kommunikation mit ihren Kindern, um deren Ausscheidungsbedürfnisse zu verstehen.

Auch wenn die Praktiken und Traditionen sehr vielfältig sind, ist die gemeinsame Grundlage eine enge Beziehung und Kommunikation zwischen Eltern und Kind. WindelFrei ist damit eine natürliche und effektive Methode, die die Entwicklung der Körperwahrnehmung und Autonomie bei den Kindern unterstützt.

Im Gegensatz dazu hat sich in westlichen Gesellschaften eine andere Herangehensweise etabliert, die durch die Einführung und omnipräsente Verfügbarkeit von Wegwerfwindeln geprägt ist. Diese kulturellen Divergenzen unterstreichen die Notwendigkeit, WindelFrei nicht als Modeerscheinung, sondern als bewährte, entwicklungsunterstützende Methode zu verstehen.

Missverständnisse und die Moderne Windelnutzung

Die Verbreitung von Wegwerfwindeln in westlichen Gesellschaften und die damit einhergehende Marketingstrategie haben die Vorstellung verstärkt, dass sie unerlässlich für die moderne Kindererziehung sind. Das gilt auch trotz zunehmender Verbreitung und Vielfalt moderner Stoffwindeln. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass viele westliche Eltern WindelFrei als unnötig oder sogar als potenziell stressig für das Kind betrachten.

Darüber hinaus führen Informationslücken und ein Mangel an objektiver Aufklärung dazu, dass der wahre Wert von WindelFrei – die Förderung der Kommunikation und des Bewusstseins für körperliche Bedürfnisse – oft übersehen wird.

Um den Mythos der Entwicklungsverzögerung durch WindelFrei zu entkräften, ist es wichtig, ein neues Verständnis für diese Praxis zu entwickeln. Indem die positiven Auswirkungen dieser Praxis auf die Entwicklung von Kindern hervorgehoben werden, können wir dazu beitragen, den Mythos zu zerstreuen. Es ist wichtig, dass Eltern Zugang zu zuverlässigen Informationen haben und ermutigt werden, basierend auf Fakten und nicht auf unbegründeten Ängsten, eine informierte Entscheidung zu treffen.

Kernbereiche der Kindesentwicklung und Einfluss durch WindelFrei

Die Entwicklung eines Kindes ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Bereiche umfasst – von der motorischen Fähigkeit über die emotionale Bindung bis hin zur kognitiven Entwicklung (Der Klassiker zum Nachschlagen ist hier Largo, 2018, jedoch ohne Hinweis auf WindelFrei.). Die Praxis von WindelFrei kann in diesen verschiedenen Entwicklungsstadien positive Einflüsse haben.

Motorische Entwicklung

Die motorische Entwicklung bei Kindern umfasst grobmotorische Fähigkeiten wie Krabbeln und Laufen sowie feinmotorische Fähigkeiten. WindelFrei fördert die motorische Entwicklung, indem es den Kindern bewusst mehr Zeiten ohne Windel bietet. Eltern, die ihre Kinder häufiger abhalten, sind i.d.R. eher dazu bereit, die Windeln häufiger zu wechseln und sie verfügen über ein erhöhtes Bewusstsein für den Vorgang der Babypflege (siehe auch Emmersberger & Weichs, 2017).

Die Babys können dann ohne die Einschränkungen oder gar ein zusätzliches Gewicht Bewegungen leichter ausführen, die für das Krabbeln und später für das Laufenlernen essenziell sind. Diese Bewegungsfreiheit ermöglicht es den Kindern, ihre Muskulatur und Koordination auf natürliche Weise zu stärken und zu entwickeln.

Emotionale Bindung und Kommunikation

Die Praxis von WindelFrei unterstützt nicht nur die physische Gesundheit und das Wohlbefinden des Kindes, sondern spielt auch eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der emotionalen Bindung und der Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Diese Verbindung wird durch die kontinuierliche Interaktion und das Eingehen auf die natürlichen Bedürfnisse des Babys gefördert.

Vertiefung der emotionalen Bindung

Die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kind ist grundlegend für die gesunde emotionale Entwicklung des Kindes. WindelFrei fördert diese Bindung, indem es Eltern ermutigt, auf die Signale ihres Kindes aufmerksam zu sein und sensibel zu reagieren. Diese aufmerksame Fürsorge hilft dem Baby, ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens zu entwickeln, da es erfährt, dass seine Bedürfnisse erkannt und erfüllt werden. Die ständige Nähe und körperliche Berührung, die beim Abhalten erforderlich sind, verstärken zusätzlich das Gefühl der Verbundenheit und Liebe und sind darüber hinaus für die Co-Regulation bedeutsam.

Förderung der nonverbalen Kommunikation

WindelFrei ist in hohem Maße auf die Fähigkeit der Eltern angewiesen, die nonverbalen Signale ihres Babys zu verstehen. Durch die Praxis lernen Eltern, feine Unterschiede in der Körpersprache, in den Lauten und im Verhalten ihres Kindes zu interpretieren. Diese intensive Form der Kommunikation schärft die elterliche Intuition und ermöglicht eine tiefe Verbindung, die über die Ausscheidungsbedürfnisse hinausgeht (Schau mal meinen eigenen Erfahrungsbericht). Die Kinder erfahren ihrerseits, dass ihre Signale wahrgenommen und verstanden werden, was ein starkes Fundament für ihr Kommunikationsvermögen und ihr Selbstbewusstsein legt.

Entwicklung des gegenseitigen Verständnisses

Durch WindelFrei entwickelt sich ein gegenseitiges Verständnis zwischen Eltern und Kind. Eltern lernen nicht nur, die physischen Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen, sondern bekommen auch Einblicke in dessen Persönlichkeit und Präferenzen. Kinder, die erfahren, dass ihre Signale Beachtung finden, entwickeln ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und des Vertrauens in ihre Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren. Dieses frühzeitige Verständnis für die Bedeutung von Kommunikation und die Reaktion auf soziale Signale legt den Grundstein für zukünftige soziale Interaktionen und emotionale Kompetenz.

Langfristige Auswirkungen

WindelFrei fördert emotionale Bindung und Kommunikation und hat damit auch langfristig positive Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes. Wie wir aus der Entwicklungspsychologie wissen, ist eine sichere Bindung in den frühen Lebensjahren mit einer Reihe von Vorteilen verbunden, darunter bessere emotionale Regulation, höheres Selbstbewusstsein und erfolgreichere soziale Beziehungen im späteren Leben (einen Überblick findet man bei Grossmann & Grossmann, 2003).

Dadurch bietet WindelFrei Kindern eine solide Grundlage für ihr emotionales und soziales Wachstum. Diese Praxis stellt somit nicht nur eine Alternative in der physischen Babypflege dar, sondern ist auch eine wertvolle Unterstützung für die ganzheitliche Entwicklung des Kindes.

Kognitive Entwicklung

Die frühe Erfahrung mit WindelFrei, noch bevor Kinder in die erste Autonomiephase eintreten, bietet mehrere Vorteile, die sowohl die emotionale als auch die kognitive Entwicklung positiv beeinflussen können. Diese Phase, oft unsensibel als “Trotzphase” bezeichnet, beginnt typischerweise im Alter von etwa 18 Monaten bis 3 Jahren und ist gekennzeichnet durch das Bestreben des Kindes, Unabhängigkeit zu erlangen und eigene Entscheidungen zu treffen (Sieh den wundervollen Überblicksartikel im Blog “Das gewünschtetste Wunschkind”). Die Integration von WindelFrei vor dieser Entwicklungsstufe kann in mehrerer Hinsicht vorteilhaft sein:

Frühzeitige Förderung von Selbstwahrnehmung und Selbstregulierung

Die Erfahrung mit WindelFrei unterstützt Kinder dabei, ein Bewusstsein für ihren Körper und dessen Bedürfnisse zu entwickeln. Kinder, die WindelFrei begleitet werden, lernen früh, auf die Signale ihres Körpers zu achten und diese zu kommunizieren. Dieses Bewusstsein für körperliche Empfindungen, ich nenne es auch gern Körperweisheit, unterstützt die Entwicklung von Selbstwahrnehmung und Selbstregulierung. Diese Fähigkeiten sind entscheidend für die Autonomieentwicklung und helfen Kindern, während der Autonomiephase ein stärkeres Gefühl der Kontrolle über ihre Umwelt und Entscheidungen zu haben.

Weniger Konflikte während der Autonomiephase

Die Autonomiephase kann oft von Konflikten geprägt sein. In zahlreichen Lebensbereichen wie Anziehen, Schlaf, Essen und auch beim Thema Ausscheidungen entdecken Kinder ihren eigenen Willen und möchten ihn entsprechend ausüben. Wenn sie bereits vor dieser Phase Erfahrungen mit WindelFrei gesammelt haben, kann dies die Anzahl potenzieller Konfliktfelder reduzieren.

Kinder, die gelernt haben, ihre Ausscheidungsbedürfnisse zu kommunizieren und zu verstehen, können sich während dieser Phase auf andere Bereiche der Selbstständigkeit konzentrieren, was zu weniger Frustration und Konflikten führt.

Konflikte lassen sich nicht gänzlich vermeiden, allerdings ist die Wahrscheinlichkeit für ein größeres Bewusstsein für diese Zusammenhänge bei WindelFrei Eltern größer. Ich spreche in dem Zusammenhang gern von WindelFrei als Seismograph.

Stärkung des Vertrauens und der Unabhängigkeit

Durch WindelFrei gemachte Erfahrungen tragen dazu bei, das Vertrauen und die Unabhängigkeit des Kindes zu stärken. Kinder, die bereits vor der Autonomiephase aktiv an Entscheidungen bezüglich ihrer Körperbedürfnisse beteiligt waren, entwickeln ein starkes Gefühl der Selbstwirksamkeit. Diese frühe Bestätigung ihrer Fähigkeit, Einfluss auf ihre Umgebung zu nehmen und mit ihren Bezugspersonen effektiv zu kommunizieren, legt den Grundstein für ein gesundes Selbstvertrauen und fördert die Entwicklung von Autonomie.

Förderung kognitiver Fähigkeiten

Die Auseinandersetzung mit Ursache und Wirkung durch WindelFrei fördert die kognitive Entwicklung schon früh. Kinder, die lernen, ihre Bedürfnisse zu antizipieren und zu kommunizieren, trainieren ihr Problemlösungsvermögen und kritisches Denken. Diese Fähigkeiten sind besonders wertvoll, wenn sie vor dem Eintritt in die Autonomiephase entwickelt werden, da sie den Kindern helfen, Herausforderungen während dieser potenziell schwierigen Entwicklungsstufe besser zu navigieren.

Die Integration von WindelFrei vor der ersten Autonomiephase bietet Kindern einen Vorteil, indem sie wichtige Fähigkeiten und ein starkes Selbstverständnis entwickeln, das sie durch die Trotzphase und darüber hinaus unterstützt. Diese frühen Erfahrungen mit Selbstwirksamkeit und erfolgreicher Kommunikation ihrer Bedürfnisse bieten eine solide Basis für lebenslanges Lernen und kognitive Flexibilität.

Konflikte im Zusammenhang mit Ausscheidungsbedürfnissen lassen sich durch WindelFrei minimieren, da Kinder bereits gelernt haben, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren. Dies ermöglicht eine Konzentration auf andere Bereiche der Selbstständigkeit, führt zu weniger Frustration und stärkt das Bewusstsein für die Bedeutung effektiver Kommunikation.

Positive langfristige Auswirkungen

Die Integration von WindelFrei in den Alltag eines Kindes bietet eine reiche Quelle für kognitive Anregungen. Durch die Praxis werden Kinder ermutigt, aktiv an ihrer eigenen Pflege teilzunehmen, was ihre Autonomie und ihr Selbstvertrauen stärkt. Diese frühen Erfahrungen mit Selbstwirksamkeit und der erfolgreichen Kommunikation ihrer Bedürfnisse bieten eine solide Basis für lebenslanges Lernen und kognitive Flexibilität.

Gesundheitliche Vorteile

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die gesundheitlichen Vorteile von WindelFrei. Da das Thema Ausscheidungen als gleichwertig neben Hunger, Schlaf und anderen zentralen Bedürfnissen und insgesamt auch viel aufmerksamer betrachtet werden, können mögliche Unregelmäßigkeiten oder Anzeichen für Erkrankungen frühzeitig erkannt werden. Dies erleichtert eine schnelle Reaktion und Behandlung.

Reduzierung von Windelausschlag

Einer der unmittelbarsten gesundheitlichen Vorteile von WindelFrei ist die deutliche Reduzierung des Risikos für Windeldermatitis oder Windelausschlag. Eltern von WindelFrei begleiteten Kindern wechseln häufiger die Windeln, so dass die Kinder weniger Zeit in schmutzigen Windeln verbringen (Geist & Bammer-Zimmer, 2023). Dadurch wird die Haut weniger Reizstoffen ausgesetzt und hat häufiger Kontakt mit Luft. Dies führt zu einer geringeren Wahrscheinlichkeit von Hautirritationen, die zudem viel seltener durch medizinische oder pflegende Produkte behandelt werden müssen (Geist & Bammer-Zimmer, 2023).

Förderung einer natürlichen Ausscheidungshaltung

WindelFrei unterstützt eine natürliche Haltung bei der Ausscheidung, die der Hockstellung und auch der Anhock-Spreizstellung beim Tragen ähnelt. Diese Haltung wird als gesünder für den Körper angesehen, da sie den Darm auf natürliche Weise unterstützt und die Spannung in der Bauchmuskulatur verringert. Durch das Abhalten kommt es zu regelmäßigeren Ausscheidungsvorgängen (Geist & Bammer-Zimmer, 2023).

Eine wesentliche gesundheitliche Auswirkung dieser natürlichen Positionierung ist, dass Verschmutzungen durch Stuhlgang weniger häufig in die Harnröhre gelangen, was das Risiko von Harnwegsinfektionen verringern kann. Im Gegensatz dazu kann ein langer Aufenthalt in vollen Windeln das Risiko erhöhen, dass Bakterien aus dem Stuhl in die Harnröhre gelangen.

Dieser Ansatz betont die Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung von Anfang an, was langfristige positive Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit des Kindes haben kann.

Verbesserung der Blasen- und Darmkontrolle

Durch die Praxis des WindelFrei entwickeln Kinder oft früher ein Bewusstsein und Kontrolle über ihre Blasen- und Darmfunktionen. Diese frühzeitige Entwicklung der Körperwahrnehmung kann langfristige Vorteile für die gesundheitliche Entwicklung haben, einschließlich einer geringeren Anfälligkeit für Verstopfung oder Harnwegsinfektionen, die manchmal mit einem späteren Windelabschied in Verbindung gebracht werden.

Die Entwicklung der Blasenkontrolle ist ein wichtiger Meilenstein im Leben eines Kindes. Neuere Forschungen bieten interessante Einblicke, wie die Entscheidung für oder gegen die Verwendung von Wegwerfwindeln diesen Prozess beeinflussen kann.

Li et al. (2020) haben herausgefunden, dass ein längerer Gebrauch von Wegwerfwindeln mit einem erhöhten Risiko für nächtliches Einnässen nach dem fünften Lebensjahr verbunden ist. Diese Erkenntnis legt nahe, dass die dauerhafte Nutzung von Windeln die Entwicklung der Blasenkontrolle bei Kindern potenziell beeinträchtigen könnte. Im Gegensatz dazu weist die Studie darauf hin, dass Kinder, die frühzeitig den Gebrauch von Wegwerfwindeln beenden und durch Praktiken wie WindelFrei unterstützt werden, eine verkürzte Zeit bis zum Erreichen der nächtlichen Kontinenz erleben könnten. Dies unterstreicht die Bedeutung der frühzeitigen Förderung von Bewusstsein und Kommunikation über Ausscheidungsbedürfnisse.

Ergänzend dazu zeigt die systematische Überprüfung von Breinbjerg et al. (2021), dass die Verwendung von Windeln mit einer Verzögerung beim Erreichen der Kontinenz in Verbindung gebracht wird. Sie betonen die Notwendigkeit weiterer Forschung, um die Auswirkungen der Windelnutzung auf die Blasenkontrolle genauer zu verstehen. Die Forschung legt nahe, dass die Ausscheidungskommunikation eine wichtige Rolle spielen könnte, um die Entwicklung der Blasenkontrolle zu unterstützen und das Risiko für Enuresis zu verringern.

Diese Studien werfen ein neues Licht auf die Diskussion um WindelFrei und bieten wertvolle Erkenntnisse für Eltern, die über die besten Praktiken für die Entwicklung ihrer Kinder nachdenken. Es zeigt sich, dass die bewusste Entscheidung gegen den dauerhaften Einsatz von Wegwerfwindeln und die Förderung einer engen Eltern-Kind-Kommunikation über die Ausscheidungsbedürfnisse nicht nur die emotionale Bindung stärkt, sondern auch einen positiven Einfluss auf die Blasenkontrolle haben kann.

Indem wir WindelFrei als eine Möglichkeit betrachten, das Bewusstsein und Verständnis für die natürlichen körperlichen Prozesse unserer Kinder zu fördern, öffnen wir die Tür zu einer Entwicklung, die auf Vertrauen, Kommunikation und gegenseitigem Verständnis basiert. Dieser Ansatz unterstützt nicht nur eine gesunde Entwicklung der Blasenkontrolle, sondern legt auch das Fundament für ein selbstbewusstes und selbstreguliertes Heranwachsen.

Fazit

WindelFrei steht nicht nur für eine alternative Pflegemethode, sondern verkörpert eine tiefgreifende Philosophie der Achtsamkeit und Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Durch die Praxis von WindelFrei werden nicht nur die Entwicklung der Blasenkontrolle und die motorischen Fähigkeiten gefördert, sondern auch eine starke emotionale Bindung und ein Verständnis für die körperlichen Bedürfnisse des Kindes aufgebaut. WindelFrei ist eine Bereicherung für die kindliche Entwicklung, die weit über das Trockenwerden hinausgeht. Lasst uns also die Mythen beiseitelegen und den Fokus auf die vielfältigen Vorteile richten, die diese Praxis für unsere Kinder und ihre Zukunft bietet.

Literatur

Breinbjerg A., Rittig S., Kamperis K. (2021): Does the development and use of modern disposable diapers affect bladder control? A systematic review. Journal of Pediatric Urology, 17(4):463-471. doi: 10.1016/j.jpurol.2021.05.007.

Emmersberger, Liane und Barbara Weichs (2017): Bist du bereit, Kleines?, in: Baby und Familie, https://liane-emmersberger.org/files/2017_09_Kinaesthetik_Infant_Handling_Artikel_Liane_Emmersberger_in_Baby_und_Familie.pdf, 7.2.24.

Geist, Barbara-Katharina & Roswitha Bammer-Zimmer (2023): Effects of Early Toilet Training and Elimination Communication With Respect to Diaper Types, Clinical Pediatrics, 62(8):901-907. doi:10.1177/00099228221145268

Largo, Remo H. (2018): Babyjahre – Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren, Piper Verlag GmbH, München.

Li, Xing; Wen, Jian Guo; Shen, Tong; Yang, Xiao Qing; Peng, Song Xu; Wang, Xi Zheng; Xie, Hui; Wu, Xing Dong; Du, Yu Kai (2020): Disposable diaper overuse is associated with primary enuresis in children, Scientific Reports, 10(1):14407. doi: 10.1038/s41598-020-70195-8.

Schmidt, Nicola (2020): Der Elternkompass, Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München.